Apr 20 2010
Die Geschichte Morias (Teil 2: Ins Dritte Zeitalter)
Das war die Geschichte, die Nár zu Thráin zurückbrachte; und nachdem er geweint und sich den Bart gerauft hatte, schwieg er. Sieben Tage saß er da und sprach kein Wort. Dann stand er auf und sagte: ‚Das kann nicht hingenommen werden!’ Das war der Anfang des Krieges der Zwerge und Orks, der lang und mörderisch war und zum größten Teil tief unter der Erde ausgefochten wurde.
Thráin schickte sogleich Boten aus, die die Nachricht nach Norden, Osten und Westen brachten; doch es dauerte drei Jahre, bis die Zwerge ihre Streitmacht aufgestellt hatten. Durins Volk versammelte sein ganzes Heer, und ihnen schlossen sich starke Kräfte an, die von den Häusern der anderen Väter entsandt wurden; denn die Schmach, die dem Erben des Ältesten ihrer Rasse angetan worden war, erfüllte sie mit Zorn. Als alles bereit war, griffen sie an und plünderten eine Orkfest nach der anderen zwischen Gundabad und dem Schwertel. Beide Seiten waren erbarmungslos, und es gab Tod und grausame Taten bei Tage und bei Nacht. Aber die Zwerge waren siegreich durch ihre Stärke, ihre unvergleichlichen Waffen und ihre rasende Wut, als sie in jeder Höhle unter dem Gebirge nach Azog jagten.
Schließlich hatten sich alle Orks, die vor ihnen flohen, in Moria versammelt, und das sie verfolgende Zwergenheer kam nach Azanulbizar. Das war ein großes Tal zwischen den Ausläufern der Berge um den See Kheledzâram und war einst Teil des Königreiches Khazad-dûm gewesen. Als die Zwerge das Tor ihrer alten Behausung an der Bergseite sahen, stießen sie einen lauten Schrei aus, der wie Donner im Tal widerhallte. Aber ein großes Heer von Feinden war auf den Hängen über ihnen aufgestellt, und aus dem Toren ergoss sich eine Unmasse Orks, die Azog für den letzten Notfall zurückgehalten hatte.
Zuerst war das Glück gegen die Zwerge; denn es war ein dunkler Wintertag ohne Sonne, und die Orks wankten nicht, und sie waren an Zahl überlegen und hatten den höheren Standort. So begann die Schlacht von Azanulbizar (oder Nanduhirion in der Elbensprache), und wenn sie daran denken, schaudert es die Orks noch immer, und die Zwerge weinen. Der erste Angriff der von Thráin geführten Vorhut wurde unter Verlusten zurück geschlagen, und Thráin wurde in einen Wald von großen Bäumen getrieben, die damals nicht weit von Kheledzâram noch wuchsen. Dort fiel sein Sohn Frerin und sein Vetter Fundin und viele andere, und Thráin und auch Thorin wurden verwundet. [Fußnote: Es heißt, dass Thorins Schild zerhauen war und er ihn wegwarf, sich mit seiner Axt einen Ast von einer Eiche abhieb und ihn in der linken Hand hielt, um die Streiche seiner Feinde abzuwehren oder ihn als Keule zu verwenden. So kam er zu seinem Namen.] An anderen Stellen ging die Schlacht mit großem Gemetzel hin und her, bis schließlich das Volk der Eisenberge die Entscheidung brachte. Die gepanzerten Krieger von Náin, Grórs Sohn, kamen spät und mit frischen Kräften auf das Schlachtfeld, stießen durch die Orks durch bis zur Schwelle von Moria und schrien: ‚Azog! Azog!’, und sie schlugen mit ihren Queräxten alle nieder, die ihnen im Weg waren.
Dann stand Náin vor dem Tor und rief mit lauter Stimme: ‚Azog! Wenn du drinnen bist, komm heraus! Oder ist der Waffengang im Tal zu roh?’
Daraufhin kam Azog heraus, und er war ein großer Ork mit einem riesigen gepanzerten Kopf, und dennoch behände und stark. Mit ihm kamen viele seinesgleichen, die Kämpfer seiner Leibwache, und als sie Náins Schar angriffen, wandte Azog sich an Náin und sagte:
‚Was? Noch ein Bettler an meiner Tür? Muss ich dich auch brandmarken?’ Damit stürzte er sich auf Náin, und sie kämpften. Aber Náin war halb blind vor Wut und auch müde von der Schlacht, während Azog frisch und grausam und voller Tücke war. Bald führte Náin einen gewaltigen Streich mit aller Kraft, die er noch hatte, aber Azog sprang zur Seite und trat gegen Náins Bein, so dass die Queraxt auf dem Stein zersplitterte, auf dem er stand, und Náin nach vorne stolperte. Da führte Azog einen raschen Hieb nach seinem Hals. Náins Panzerhemd widerstand der Klinge, aber der Schlag war so heftig, dass Náins Genick brach und er zu Boden stürzte.
Da lachte Azog, und er hob den Kopf, um einen lauten Siegesschrei auszustoßen; aber der Schrei blieb ihm in der Kehle stecken. Denn er sah, dass sein ganzes Heer im Tal in wilder Flucht war und die Zwerge überall angriffen und alle erschlugen, und diejenigen, die ihnen entkommen konnten, flohen unter schrillen Schreien nach Süden, und alle Krieger seiner Leibwache waren tot. Er wandte sich um und floh zurück zum Tor.
Ihm nach auf die Stufen sprang ein Zwerg mit einer roten Axt. Es war Dáin Eisenfuß, Náins Sohn. Genau an der Tür erreichte er Azog, und dort tötete er ihn und schlug ihm den Kopf ab. Das wurde als eine große Tat erachtet, denn nach den Maßstäben der Zwerge war Dáin damals noch ein grüner Junge. Doch ein langes Leben und viele Schlachten lagen noch vor ihm, bis er hochbetagt, aber ungebeugt, im Ringkrieg fiel. Dennoch heißt es, dass er, als er vom Tor zurückkam, trotz all seiner Tapferkeit und Wut grau im Gesicht war wie einer, der einen großen Schrecken erlebt hat.
Als die Schlacht schließlich gewonnen war, versammelten sich die Zwerge, die übrig geblieben waren, in Azanulbizar. Sie nahmen Azogs Kopf, stopften ihm den kleinen Geldbeutel in den Mund und steckten ihn auf einen Pfahl. Aber keinen Festschmaus oder Gesang gab es in jener Nacht; denn der Gram um ihre Toten war unermesslich. Knapp die Hälfte von ihnen, heißt es, konnte noch stehen oder hatte Hoffnung auf Heilung.
Dennoch trat Thráin am Morgen vor sie. Er war auf einem Auge unheilbar blind geworden und lahm durch eine Beinwunde; aber er sagte: ‚Gut! Wir haben gesiegt. Khazad-dûm ist unser!’
Aber sie antworteten: ‚Durins Erbe magst du sein, aber selbst mit einem Auge solltest du klarer sehen. Wir führten diesen Krieg um der Rache willen, und Rache haben wir genommen. Aber sie ist nicht süß. Wenn dies Sieg ist, dann sind unsere Hände zu klein, um ihn zu halten.
Und jene, die nicht von Durins Volk waren, sagten außerdem: ‚Khazad-dûm war nicht unserer Väter Haus. Was bedeutet es uns, es sei denn eine Hoffnung auf Schätze? Aber wenn wir nun ohne den Lohn und das Wergeld, das uns geschuldet wird, auskommen müssen, dann werden wir, je eher wir in unsere eigenen Lande zurückkehren, um so froher sein.’
Da wandte sich Thráin an Dáin und sagte: ‚Aber gewiß wird mich doch meine eigene Sippe nicht verlassen?’ – ‚Nein’, sagte Dáin. ‚Du bist der Vater unseres Volkes, und wir haben für dich geblutet und werden es wieder tun. Aber wir werden Khazad-dûm nicht betreten. Auch du wirst Khazad-dûm nicht betreten. Nur ich habe durch den Schatten des Tores geschaut. Jenseits des Schattens wartet er noch auf uns: Durins Fluch. Die Welt muss sich wandeln, und eine andere Macht als die unsere muss kommen, ehe Durins Volk wieder in Moria wandert.’
So kam es, dass nach Azanulbizar die Zwerge wieder auseinandergingen. Doch zuerst entkleideten sie mit großen Mühen alle ihre Toten, damit den Orks nicht ein Vorrat von Waffen und Panzern in die Hände falle. Es heißt, dass jeder Zwerg, der das Schlachtfeld verließ, unter einer schweren Last gebeugt ging. Dann errichteten sie viele Scheiterhaufen und verbrannten sie Leichen ihrer Verwandten. Viele Bäume wurden in dem Tal gefällt, das seitdem immer kahl bleib, und der Rauch des Brandes war in Lórien zu sehen. [Fußnote: So mit ihren Toten zu verfahren, war den Zwergen schmerzlich, denn es war gegen ihre Bräuche; aber um derartige Grabstätten zu bauen, wie sie es gewohnt waren (denn sie kegen ihre Toten nur n Stein, nicht in Erde), wären viele Jahre nötig gewesen. Daher überleiferten sie ihre Verwandten lieber dem Feuer als Tieren oder Vögeln oder den Aas-Orks. Doch jener, die in Azanulbizar fielen, wurde in Ehren gedacht, und bis zum heutigen Tage wird ein Zwerg stolz von einem Vorfahren sagen: ‚Er war ein verbrannter Zwerg’, und das genügt.]
Als die entsetzlichen Feuer zu Asche neidergebrannt waren, gingen die Verbündeten jeder in sein eigenes Land, und Dáin Eisenfuß führte seines Vaters Volk zurück zu den Eisenbergen. Dann sagte Thráin, als sie an dem großen Pfahl standen, zu Thorin Eichenschild: ‚Manche werden denken, dieser Kopf sei teuer erkauft! Zumindest haben wir unser Königreich dafür hingegeben. Willst du mit mir zum Amboss zurückkommen? Oder willst du dein Brot an stolzen Türen erbetteln?’
‚Zum Amboss’, antwortete Thorin. ‚Der Hammer wird wenigstens die Arme stark erhalten, bis sie wieder schärfere Geräte schwingen können.’
So kehrten Thráin und Thorin mit denen, die von ihren Gefolgsleuten noch übrig waren (unter ihnen Balin und Glóin) nach Dunland zurück, und bald darauf brachen sie wieder auf und wanderten in Eriador, bis sie sich schließlich ein Heim in der Verbannung im Osten des Ered Luin jenseits des Luhn schufen. …“
Das nächste Kapitel in der Geschichte von Moria ist besonders traurig, denn Bilbos guter Freund Balin und zwei der Gefährten kamen dabei zu Tode. Aber alles was wir über Balins Unternehmen zur Wiedereroberung Morias wissen, ist im Herrn der Ringe ausführlich beschrieben, und wir werden daher hier darauf verzichten es erneut wiederzugeben. Aus dem gleichen Grund werden wir weder die Reise Frodos und der Ringgemeinschaft durch die Minen noch den Kampf Gandalfs gegen den Balrog von Moria hier wiederholen.
Es bleibt nur noch das letzte Kapitel in der Geschichte von Moria zu berichten. Dazu gibt es eine Prophezeiung im Lied das Gimli in Moria singt [„Der Herr der Ringe“; Band 1: „Die Gefährten“ ; Buch II; Kapitel 4: „Eine Wanderung im Dunkeln“]:
„Die Sterne glitzern wunderlich
Im Spielgesee, die Krone blich,
Tief ist er See, der sie begräbt,
Bis Durin sich vom Schlaf erhebt.“
Dazu berichtet unser guter Sam noch im Jahr 1436 der Auenlandzeitrechnung [„The History of Middle-Earth“; Volume 9: „Sauron Defeated”; Chapter XI: “The Epilogue”; Sub-heading: “The second version of the Epilogue”]:
„Frage: Zwerge & co. Frodolein sagt er mag sie am meisten. Was geschah mit Gimli? Sind die Minen von Moria wieder geöffnet worden? Sind irgendwelche Orks übriggeblieben?
Antwort: Gimli: Er kam zurück um für den König zu arbeiten, wie er es sagte, und er brachte viele von seinem Volk aus dem Norden, und sie arbeiteten solange, dass sie sich daran gewöhnten, und sie siedelten dort, oben im Weißen Gebirge nicht weit von der Stadt. Gimli geht jedes Jahr einmal zu den Glitzernden Grotten. Woher ich das weiß? Angaben von Herrn Peregrin, der oft nach Minas Tirith geht, wo er sehr hoch angesehen ist.
Moria: Ich habe keine Neuigkeiten gehört. Vielleicht ist ja die Vorhersage zu Durin nicht für unsere Zeit. Dunkle Plätze brauchen immer noch eine Menge Aufräumarbeit. Ich vermute es wird eine Menge Schwierigkeiten und wagemutige Taten brauchen, um die bösen Kreaturen aus den Hallen von Moria zu vertreiben. Denn es sind in solchen Plätzen sicherlich noch viele Orks übriggeblieben. Es ist nicht wahrscheinlich, dass wir sie jemals vollständig los werden.“
Aber Durin VII., der letzte der sich im Stammbaum der Zwerge von Moria wie ihn Gimli für Aragorn aufzeichnete als Nachfahre in unbestimmtem Grad von Thorin III. Steinhelm, Dáin II. Eisenfuß Sohn, findet, wird an anderer Stelle als Thorins Sohn geführt. Und zu ihm heißt es [„The History of Middle-Earth“; Volume 12: “The Peoples of Middel-Earth”; part 1: “The Prologue and Appendices to The Lord of the Rings”; Chapter IX: ”The Making of Appendix A”; sub-chapter (iv): “Durin’s Folk”]:
„Und die Linie von Dáin gedieh, und der Reichtum und das Ansehen des Königtums wurde erneuert, bis dort erneut zum letzten Mal ein Erbe diese Hauses aufstand, der den Namen Durin trug, und er kehrte nach Moria zurück; und dort gab es erneut Licht in den tiefen Hallen und das Klingen der Hämmer und die Klänge von Harfen, bis die Welt alt wurde und die Zwerge vergingen und die Tagen von Durins Volk beendet waren.“
So dies war nun alles was wir zur Geschichte von Moria zu berichten wissen.
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