Sep 11 2011
Erforschung: Die Religion in Tolkiens Mittelerde
Aber es wird erzählt, dass es einige wenige gab die uns entkamen und fort gingen in ferne Länder, vor dem Schatten fliehend. Jedoch entkamen sie nicht dem Ärger der Stimme; den sie hatten das Haus gebaut und sich darin niedergebeugt. Und sie kamen zu letzt zum Ende des Landes und an die Küste von unpassierbarem Wasser; und siehe! der Feind war dort schon vor ihnen.
Diese finstere Geschichte aus den frühen Tagen der Menschen legte auch die Grundlage für Saurons spätere Herrschaft über die Menschen im Osten und Süden während des Zweiten und Dritten Zeitalter [„Das Silmarillion“; „Von den Ringen der Macht und dem Dritten Zeitalter“]:
… Überall sonst herrschte Sauron und wer frei bleiben wollte, suchte Zuflucht in den dichten Wäldern und in den Bergen und lebte in steter Furcht. Im Osten und Süden standen fast alle Menschen unter seiner Herrschaft, und sie wurden stark in jener Zeit und bauten viele Städte und Mauern aus Stein; und zahlreich waren sie, mit Eisen bewehrt und kriegswütig. Sauron war ihr König und ihr Gott, den sie über alles fürchteten, denn er umgab seinen Sitz mit Feuer.
Und auch viele der Númenórer verführte Sauron als er dort wirkte [„Das Silmarillion“; „Akallabêth“]:
So gewitzt aber waren sein [Saurons] Geist und seine Reden und so stark sein verhohlener Wille, dass er binnen drei Jahren zum engsten Vertrauten unter des Königs geheimen Räten wurde; denn honigsüße Schmeicheleien gingen ihm stets von der Zunge, und Kenntnis hatte er von vielen den Menschen noch verborgenen Dingen. Und als er einmal in der Gunst ihres Herrn stand, da begannen auch die andern Räte des Königs vor ihm zu kriechen, nur einer nicht, Amandil, der Fürst von Andúnië. Langsam kam nun ein Wandel über das Land, und die Herzen der Elbenfreunde wurden streng geprüft, und viele sagten ihnen ab aus Furcht; und obwohl die restlichen sich immer noch die Getreuen nannten, hießen ihre Feinde sie nun Rebellen. Denn jetzt, da er das Ohr der Menschen hatte, widerlegte Sauron mit hundert Gründen alles, was die Valar gelehrt hatten; er machte die Menschen glauben, dass es auf der Welt, im Osten und sogar im Westen, noch viele Meere und Länder für sie zu erobern gäbe, mit unermesslichen Reichtümern. Und überdies, sollten sie schließlich doch ans Ende dieser Länder und Meere kommen, so war draußen noch das Alte Dunkel. »Und aus ihm wurde die Welt erschaffen. Denn dem Dunkel allein gebührt Verehrung, und der Fürst desselben kann noch andere Welten erschaffen, jenen zum Geschenk, die ihm dienen, so dass ihnen Macht ohne Ende zuwachsen soll.«
Und Ar-Pharazôn sagte: »Wer ist der Fürst des Dunkels?«
Dann, hinter verschlossenen Türen, sprach Sauron zu dem König, und er log, als er sagte: »Er ist es, dessen Name heute nicht mehr ausgesprochen wird; denn über ihn haben die Valar euch belogen, den Namen eines Eru vorschützend, eines Phantoms, das sie in ihrem Wahnsinn erfunden, um die Menschen in Knechtschaft an sich zu ketten. Denn sie sind das Orakel dieses Eru, der nur sagt, was sie wollen. Doch er, welcher ihr Meister ist, wird dennoch siegen und euch von diesem Phantom befreien. Und sein Name ist Melkor, Herr und Befreier des Alls, und er wird euch helfen, stärker zu werden als sie.«
Darauf huldigte der König Ar-Pharazôn dem Dunkel und Melkor, dem Herrn desselben, zuerst insgeheim, bald aber offen und vor seinem Volke; und die Mehrzahl tat es ihm nach. …
… Denn der Meneltarma wurde in jenen Tagen ganz verlassen. Zwar wagte selbst Sauron nicht, die heilige Stätte zu entweihen, doch ließ der König bei Todesstrafe niemanden mehr hinauf, auch nicht jene Getreuen, die Ilúvatar im Herzen behielten. Und Sauron drängte den König, den Weißen Baum abzuhauen, Nimloth den Schönen, der in seinen Gärten wuchs, denn er war ein Andenken an die Eldar und das Licht von Valinor.
Anfangs mochte der König dem nicht nachgeben, glaubte er doch, dass die Geschicke seines Hauses mit dem Baum verknüpft seien, wie es Tar-Palantir geweissagt. Er, welcher die Eldar und die Valar nun hasste, klammerte sich in seinem Wahn noch vergebens an den Schatten der alten Bündnispflichten von Númenor. …
Nicht zu früh hatte er dies getan, denn nach diesem Vorfall gab der König Sauron nach und ließ den Weißen Baum fällen; und nun wandte er sich ganz von dem Bündnis seiner Väter ab. Sauron aber ließ auf dem Hügel mitten in der Stadt der Nümen6rer, Armenelos der Goldenen, einen gewaltigen Tempel erbauen; und der war kreisförmig am Grunde, und dort waren die Mauern fünfzig Fuß dick, und die Grundfläche maß fünfhundert Fuß durch die Mitte, und die Wände stiegen fünfhundert Fuß hoch über den Boden auf und wurden von einer mächtigen Kuppel gekrönt. Ganz von Silber war die Kuppel, und erhob sich schimmernd in der Sonne, und weithin sah man sie leuchten; bald aber wurde ihr Glanz stumpf, und das Silber schwärzte sich. Denn inmitten des Tempels war ein Feueraltar, und im Gipfelpunkt der Kuppel war ein Abzug, woraus eine mächtige Rauchwolke aufstieg. Und das erste Feuer auf dem Altar entfachte Sauron mit dem Holz des abgehauenen Nimloth, und es knisterte und verbrannte; den Menschen aber wurde beklommen von dem Dunste, der davon aufstieg, so dass sieben Tage lang das Land unter einer Wolke lag, bis sie langsam nach Westen abzog.
Von nun an stiegen Feuer und Rauch auf ohne Unterlass; denn Saurons Macht wuchs mit jedem Tag, und mit Blutvergießen, Martern und großer Verruchtheit brachten die Menschen im Tempel dem Melkor Opfer dar, dass er sie vom Tod erlöse. Und unter den Getreuen wählten sie die meisten Opfer, doch ohne ihnen offen zur Last zu legen, dass sie Melkor, den Befreier, nicht ehrten; vielmehr schob man andre Klagen gegen sie vor, dass sie den König hassten und gegen ihn rebellierten oder dass sie sich gegen ihr Volk verschworen hätten und Lügen und Gift ausstreuten. Wenig Wahres war an diesen Klagen; doch es waren bittre Tage, und Hass erzeugt Hass.
All dies aber trieb den Tod nicht aus dem Land, vielmehr kam er nun früher und öfter und in hundert Schreckensgestalten. Denn während einstmals die Menschen langsam alt wurden und sich am Ende, der Welt müde, zum Schlafe legten, so fielen jetzt Wahnsinn und Krankheit über sie her; und sie fürchteten sich, zu sterben und ins Dunkel zu treten, ins Reich jenes Herrn, den sie sich erwählt hatten; und im Todeskampf verfluchten sie sich selbst. Und Männer griffen zu den Waffen in jenen Tagen und erschlugen einander aus nichtigem Grund; denn sie waren jähzornig geworden, und Sauron oder jene, die er an sich gebunden, gingen im Lande um und hetzten Mann gegen Mann auf, so dass das Volk gegen den König und gegen die Edlen murrte und gegen jeden, der etwas besaß, das es nicht besaß; und die Mächtigen übten grausame Rache.
Dennoch schien es den Númenórern lange Zeit, dass sie wohl gediehen, und wenn sie schon nicht glücklicher wurden, so wurden sie doch noch stärker, und ihre Reichen wurden immer reicher. Denn mit Saurons Rat und Hilfe mehrten sie ihren Besitz, und sie bauten Maschinen und immer größere Schiffe. Und nach Mittelerde fuhren sie nun nur noch gewappnet und gepanzert, und sie kamen nicht mehr mit Geschenken, sondern mit blutigem Krieg. Sie machten Jagd auf die Menschen von Mittelerde, nahmen ihnen ihre Habe und versklavten sie; und viele schlachteten sie grausam auf ihren Altären. Denn auch in ihren Festungen bauten sie zu jener Zeit Tempel und große Grabmäler; und die Menschen fürchteten sich vor ihnen, und das Andenken der freundlichen Könige der alten Zeit verschwand aus der Welt und wurde von manch einer Gräuelgeschichte verdunkelt.
Mehr konnten wir nicht finden, aber ich denke ihr wisst jetzt erst einmal genug von der Religion in Mittelerde. Jedenfalls sollte klar geworden sein, dass es keine Priester bei den „guten“ Völkern in Mittelerde gab, außer vielleicht in der Person des Königs, wenn er den wirklich die Anbetung Erus auf dem Mindolluin wieder aufleben ließ.
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