Okt 09 2011
Erforschung: Tol Eressea, das Land hinter den Grauen Anfurten
Die Bäume von Kortirion
I
Alalminóre
O alte Stadt, gelagert auf einem Hügel! / Alte Schatten weilen in deinem zerbrochenen Tor, / Deine Steine sind grau, deine alten Hallen nun stumm, / Deine Türme warten schweigend im Nebel / (5) Auf ihr Ende im Zerfall, während durch die sagenumwobenen Ulmen / Der Fluss Gleitend diese Binnenreiche verlässt / Und durch lange Auen zum Meer schlüpft, / Immer über Wehr und murmelnden Fall hinabtragend / Einen Tag und noch einen Tag zum Meer; / (10) Und seitdem sind langsam viele Tage vergangen, / Seit die Edain zuerst Kortirion erbauten. //
Kortirion! Auf deinem Inselhügel / Mit gewundenen Straßen und Alleen, schattenummauert, / Wo jetzt noch die Pfauen stattlich schreiten, / (15) Majestätisch, saphirblau und smaragdgrün, / Einst, vor langer Zeit, inmitten dieses schlafenden Landes / Des silbernen Regens, wo noch jahrbeladen stehen / In unvergesslicher Erde die wurzligen Bäume, / Die lange Schatten in den vergangenen Mittag werfen / (20) Und in dem rasch dahinziehenden Windhauch flüsterten, / Einst, vor langer Zeit, Königin des Landes der Ulmen, / Warst du die Hohe Stadt der Binnenreiche. //
Gedenke immer deiner Bäume im Sommer: / Der Weide an der Quelle, der Buche auf dem Hügel; / (25) Der regennassen Pappeln und der finsteren Eiben / In deinen alten Höfen, versunken / In ernster Pracht den ganzen Tag, / Bis der erste Stern schimmernd kommt / Und Fledermäuse mit lautlosen Flügeln vorbeifliegen; / (30) Bis der langsam aufsteigende weiße Mond / Die schlafumfangenen Bäume in Schattenfeldern erblickt, / Von der Nacht ganz in Silbergrau gehüllt. / Alalminor! Hier war deine Feste, / Bevor der bannergeschmückte Sommer von seiner Festung fiel; / (35) Um dich stand wie zum Gefecht dein Heer von Ulmen: / Grün war ihre Rüstung, hoch und grün waren ihre Helme, / Hohe Fürsten und Hauptleute der Bäume. / Doch der Sommer schwindet. Sieh, Kortirion! / Die Ulmen haben nun ihre Segel voll gebläht, / (40) Bereit für die Winde, wie Masten mitten im Tal / Mächtiger Schiffe, die bald, allzu bald segeln werden / Anderen Tagen entgegen, jenseits dieser sonnenhellen Meere.
II
Narquelion
AlaIminórë! Green heart of this Isle
Where linger yet the Faithful Companies!
Still undespairing here they slowly file 45
Down lonely paths with solemn harmonies:
The Fair the first-born in an elder day,
Immortal Elves, who singing 00 their way
Of bliss of old and grief, though men forget,
Pass like a wind among the rustling trees, 50
A wave of bowing grass, and men forget
Their voices calling from a time we do not know,
Their gleaming hair like sunlight long ago.
A wind in the grass! The turning of the yean
A shiver in the reeds beside the stream, 55
A whisper in the trees – afar they hear,
Piercing the heart of summer’s tangled dream,
Chill music that a herald piper plays
Foreseeing winter and the leafless days.
The late flowers trembling on the ruined walls 60
Already stoop to hear that elven-flute.
Through the wood’s sunny aisles and tree-propped halls
Winding amid the green with dear cold note
Like a thin strand of silver glass remote.
The high-tide ebbs, the year will soon be spent; 65
And all your trees, Kortirion, lament.
At morn the whetstone rang upon the blade,
At eve the grass and golden flowers were laid
To wither, and the meadows bare.
Now dimmed already comes the tardier dawn, 70
Paler the sunlight fingers creep across the lawn.
The days are passing. Gone like moths the nights
When white wings fluttering danced like satellites
Round tapers in the windless air.
Lammas is gone. The Harvest-moon has waned. 75
Summer is dying that so briefly reigned.
Now the proud elms at last begin to quail,
Their leaves uncounted tremble and grow pale,
Seeing afar the icy spears
Of winter march to battle with the sun. 80
When bright AlI-Hallows fades, their day is done,
And borne an wings of amber wan they fly
In heedless winds beneath the sullen sky,
And fall like dying birds upon the meres.
II
Narquelion*
Alalminóre! Grünes Herz dieser Insel, / Wo noch die Getreuen Scharen weilen! / (45) Hier ziehen sie, unverzagt, langsam hintereinander / Mit feierlichen Harmonien über einsame Pfade:l Die Schönen, die Erstgeborenen älterer Tage, / Unsterbliche Elben, die auf ihrem Weg singen / Von einstiger Seligkeit und Leid, das die Menschen gleichwohl vergessen, / (50) Ziehen wie ein Wind durch die rauschenden Bäume, / Eine Welle sich neigenden Grases, und die Menschen vergessen / Ihre Stimmen, die von einer Zeit künden, die wir nicht kennen, / Ihr schimmerndes Haar wie längst vergangenes Sonnenlicht. //
Ein Wind im Gras! Die Wende des Jahres. / (55) Ein Schauer im Röhricht am Fluß, / Ein Flüstern in den Bäumen – von fern hören sie, / Das Herz der wirren Träume des Sommers durchdringend, / Frostige Musik, die ein Vorbote und Musikant bläst, / Der den Winter und die blattlosen Tage voraussieht. / (6o) Die letzten Blumen, zitternd auf den zerstörten Mauern, / Beugen sich schon, um jene Elbenflöte zu hören. / Durch die sonnigen Schneisen und baumgestützten Hallen des Waldes, / Sich durch das Grün windend mit klarem kaltem Ton, / Wie eine dünne Strähne von Silberglas, entrückt. //
(60) Die hohe Zeit geht dahin, das Jahr wird bald verbraucht sein; / Und alle deine Bäume, Kortirion, klagen. / Am Morgen erklang der Wetzstein an der Schneide, / Am Abend waren das Gras und die goldenen Blumen gemäht, / Um zu verwelken, und die Wiesen waren kahl. / (70) Trüber nun kommt schon der spätere Dämmer, / Bleicher kriechen die Finger des Sonnenlichts über den Rasen. / Die Tage gehen dahin. Vergangen wie Nachtfalter die Nächte, / In denen weiße Flatterflügel wie Trabanten / Um Kerzen in der stehenden Luft tanzten. / (75) Das Erntefest ist vorbei. Der Herbstmond ist verblasst. / Der Sommer stirbt, der so kurz regierte. / Nun beginnen auch die stolzen Ulmen zu verzagen, / Ihre ungezählten Blätter zittern und werden fahl, / In der Ferne die eisigen Speere erblickend / (80) Des Winters, der aufmarschiert, um mit der Sonne zu kämpfen. / Wenn der strahlende Allerheiligentag schwindet, ist ihre Zeit um, / Und, getragen von bleichen Bernsteinflügeln, fliegen sie / In unbekümmerten Winden unter dem trüben Himmel / Und fallen wie sterbende Vögel auf die Meere.
* Zu Narquelion (der auch im elbischen Titel des ursprünglichen Gedichtes auftaucht) vergleiche Narquelie ‚Sonnen-Schwund’, der Name des zehnten Monats in Quenya in: ‚Der Herr der Ringe’, Anhang D.
III
Hrívion
Alas! Kortirion, Queen of Elms, alas! 85
This season best befits your ancient town
With echoing voices sad that slowly pass,
Winding with waning music faintly down
The paths of stranded mist. O fading time,
When morning rises late all hoar with rime, 90
And early shadows veil the distant woods!
Unseen the Elves go by, their shining hair
They cloak in twilight under secret hoods
Of grey, their dusk-blue mantles gird with bands
Of frosted starlight sewn by silver hands. 95
At night they dance beneath the roofless sky,
When naked elms entwine in branching lace
The Seven Stars, and through the boughs the eye
Stares down cold-gleaming in the high moon’s face.
O Elder Kindred, fair immortal folk! 100
You sing now ancient songs that once awoke
Under primeval stars before the Dawn;
You dance like shimmering shadows in the wind,
As once you danced upon the shining lawn
Of Elvenhome, before we were, before 105
You crossed wide seas unto this mortal shore.
Now are your trees, old grey Kortirion,
Through pallid mists seen rising tall and wan,
Like vessels vague that slowly drift afar
Out, out to empty seas beyond the bar 110
Of cloudy ports forlorn;
Leaving behind for ever havens loud,
Wherein their crews a while held feasting proud
In lordly ease, they now like windy ghosts
Are wafted by cold airs to friendless coasts, 115
And silent down the tide are borne.
Bare has your realm become, Kortirion,
Stripped of its raiment, and its splendour gone.
Like lighted tapers in a darkened fane
The funeral candles of the Silver Wain 120
Now flare above the fallen yean
Winter is come. Beneath the barren sky
The Elves are silent. But they do not die!
Here waiting they endure the winter fell
And silence. Here I too will dwell; 125
Kortirion, I will meet the winter here.
III
Hrívion*
(85) Ach! Kortirion, Königin der Ulmen, ach! / Diese Jahreszeit ist deiner alten Stadt am besten angemessen, / Mit widerhallenden traurigen Stimmen, die langsam dahingehen, / Mit schwindender Musik sich zag windend / Über Pfade gestrandeten Nebels. O schwindende Zeit, / (90) Wenn der Morgen sich spät erhebt, ganz weiß von Reif, / Und frühe Schatten die fernen Wälder verhüllen! / Unsichtbar gehen die Elben vorbei, ihr schimmerndes Haar / Verhüllen sie im Zwielicht unter geheimen Kapuzen / Aus Grau, ihre dunkelblauen Mäntel gürten sie mit Bändern / (95) Aus gefrorenem Sternenlicht, genäht von silbernen Händen.!!
Zur Nacht tanzen sie unter dem unbedeckten Himmel, / Wenn nackte Ulmen mit Astfiligran / Die Sieben Sterne umwinden und durch die Zweige das Auge / Kaltschimmernd hinabstarrt in das Gesicht des vollen Mondes. / (100) O Älteres Geschlecht, schönes unsterbliches Volk! / Ihr singt nun alte Lieder, die einst erwachten / Unter urzeitlichen Sternen vor dem ersten Anfang; / Ihr tanzt wie schimmernde Schatten im Wind, / Wie einst ihr tanztet auf der leuchtenden Wiese / (105) Von Elbenheim, bevor es uns gab, bevor / Ihr über weite Meere an diese sterbliche Küste fuhrt. //
Nun sind deine Bäume, altes graues Kortirion, / Durch bleiche Nebel zu sehen, groß und fahl aufsteigend / Wie Schemen von Schiffen, die langsam fern hinaustreiben / (110) Zu leeren Meeren jenseits der Barre / Wolkiger verlassener Häfen; / Sie lassen für immer laute Häfen hinter sich, / Wo ihre Besatzungen eine Weile sich üppig erquickten / In königlicher Muße, die nun wie windige Geister / (115) Von kalten Lüften an verlassene Küsten getrieben / Und schweigend über die Flut getragen werden. / Kahl ist dein Reich geworden, Kortirion, / Beraubt seines Kleides, und sein Glanz ist verschwunden. / Wie brennende Leuchter in einer verdunkelten Kirche / (120) Flammen die Begräbniskerzen des Silberwagens / Nun auf über dem gefallenen Jahn / Der Winter ist gekommen. Unter dem öden Himmel / Sind die Elben stumm. Doch sie sterben nicht! / Hier wartend ertragen sie des Winters Ankunft / (125) Und seine Stille. Hier will auch ich wohnen; / Kortirion, ich will den Winter hier erwarten.
* Vgl. hríve ‚Winter’ in: Der Herr der Ringe, Anhang D.
IV
Mettanyë
I would not find the burning domes and sands
Where reigns the sun, nor dare the deadly snows,
Nor seek in mauntains dark the hidden lands
Of men long lost to whom no pathway goes; 130
I heed no call of clamant bell that rings
Iron-tongued in the towers of earthly kings.
Here an the stones and trees there lies a spell
Of unforgotten lass, of memory mare blest
Than mortal wealth. Here undefeated dwell 135
The Folk Immortal under withered elms,
Alalminórë once in ancient realms.
IV
Mettanyë*
Ich möchte die glühenden Gewölbe und Sandebenen nicht finden, / Wo die Sonne herrscht, mich weder in tödlichen Schnee wagen / Nach in den dunklen Bergen die verborgenen Lande / (130) Längst verlorener Menschen suchen, in die kein Pfad führt; / Ich achte nicht der lauten Glocke, die erklingt / Mit eiserner Stimme auf den Türmen irdischer Könige. / Hier auf den Steinen und Bäumen, hier liegt ein Zauber / Unvergessenen Verlustes, von Erinnerung, segensreicher / (135) Als sterbliche Güter. Hier wohnt unbesiegt / Das Unsterbliche Volk unter verwelkten Ulmen, / Alalminórë einst in den alten Reichen.
So, nun wisst Ihr alles über Tol Eressea . Hoffentlich hat euch der Artikel, besonders das Gedicht gut gefallen.
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[...] Valinor ist ein mysthisches Land in Mittelerde, oftmals wird es mit Tol Eressea verwechselt. Zu diesem Landteil haben wir bereits einen Artikel veröffentlicht. [...]