Jul 18 2012
Cirdan von HDRF und der Hobbit
Seit Jahren ist Cirdan aus der deutschen Tolkiencommunity nicht mehr wegzudenken. Auf seiner Seite findet man nicht nur die Arapedia, in der man so gut wie alles über die Welt Tolkiens nachschlagen kann, sondern auch immer Neuigkeiten von den Dreharbeiten, Tolkien Stammtischen und noch vieles mehr. Seine jahrelange und intensive Beschäftigung mit Tolkiens Arda und den dazugehörigen Verfilmungen, machen ihn zu einem Fachmann auf diesem Gebiet. Ihr dürft euch auf seine ausführlichen Antworten freuen.
TolkiensWelt: Seit langer Zeit bietest Du der Fangemeinschaft mit deiner Seite jede Menge News und auch das ausführliche Onlinenachschlagewerk Ardapedia. Wie bist Du darauf gekommen so etwas Großes aufzubauen?
Círdan: Als Erstes möchte ich natürlich sagen, dass dies keineswegs mein alleiniger Verdienst ist. Hinter der Website, der Community und der Ardapedia stecken jede Menge kreative und sehr engagierte Köpfe, ohne die dies niemals möglich gewesen wäre. Allen voran Christoph Feddersen aka Astaran, der seit vielen Jahren nicht nur für die Technik im Hintergrund sondern auch für alle reibungslosen Abläufe innerhalb der Community verantwortlich ist. Es gibt natürlich jede Menge weitere Menschen – Redakteure, Moderatoren und Operatoren – ohne die herr-der-ringe-film.de gar nicht möglich wäre. Geplant war das ganze übrigens nie. Angefangen hatte alles ganz klein 1998: Damals steckte das Internet noch in den Kinderschuhen. Deutsche Tolkien-Fans tauschten sich zu dieser Zeit fast ausschließlich über die Mailingliste Efeubusch-l aus. Als bekannt wurde, dass der „Herr der Ringe“ endlich verfilmt werden soll, habe ich das ganze Internet nach Informationen durchforstet, aber es gab kaum etwas. Die wenigen Infos, die es gab, waren weit verstreut. Was fehlte war eine Übersicht. Also hab ich angefangen die Mailingliste mit jedem kleinen Schnipsel zur Verfilmung voll zu spammen. Bis die Mitglieder mich eines Tages baten, mich etwas zurück zu halten, schließlich sollte sich die Mailinglist hauptsächlich dem literarischen Werk des Professors widmen. Ich habe dann im Sommer 1998 eine eigene Website ins Netz gestellt, die ausschließlich dem Film gewidmet war und wo ich von da an alle Infos zum Film gesammelt habe. Als kleines Extra habe ich noch ein Forum dazu gepackt. Und dann ging es los. Ab da hat sich die Sache verselbstständigt.
TW: Wie alt warst Du, als Du den Hobbit das erste Mal gelesen hast? War er Deine erste Begegnung mit Tolkien?
Círdan: Meine erste Begegnung mit Tolkien war das WDR-Hörspiel „Der kleine Hobbit“. Das hatte ich mit 11 Jahren das erste Mal gehört und war sofort begeistert. Ich habe mir sofort das Buch aus der Pfarrbücherei besorgt und es in wenigen Tagen verschlungen. Direkt danach in den Sommerferien habe ich dann auch den „Herrn der Ringe“ gelesen. Und seitdem bin ich leidenschaftlicher Tolkien-Fan. Das WDR-Hörspiele liebe ich übrigens immer noch und kann es nur empfehlen.
TW: Was gefällt Dir am Hobbit am Besten und wer ist Dein Lieblingscharakter?
Círdan: Was mir bei Tolkien am besten gefällt beschränkt sich eigentlich nicht auf den „Hobbit“, sondern zieht sich durch fast alle Werke: Das ist dieser unglaublich komplexe Kosmos, den J.R.R. Tolkien geschaffen hat und der etwas sehr ursprüngliches in mir anspricht. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber es ist vermutlich eine Art Sehnsucht nach Mythos. Was mich aber auch immer begeistert hat — und damit auch irgendwie zusammen hängt — ist Tolkiens romantisches Naturbild. Seine Beschreibungen der Landschaften und der Natur allgemein haben mich von jeher bewegt. Die Lieblingscharaktere in Tolkiens Werken wechseln eigentlich ständig, aber beim „Hobbit“ ist das natürlich Bilbo, weil man die Reise aus seiner Sicht erlebt und sich mit ihm identifiziert.
TW: Welches Volk aus Tolkiens Feder würdest Du gerne in der heutigen Welt sehen?
Círdan: Schwierige Frage. Ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, wie eines der Völker von Tolkien in unsere Welt passen soll. Andererseits denke ich aber auch, dass alle Völker mit gewissen Aspekten in unserer Welt vertreten sind. Die Elben beispielsweise symbolisieren für mich eine gewisse spirituelle Sehnsucht nach Schönheit, Weisheit und Vollkommenheit, wie viele Menschen sie verspüren. Ideale, die aber so fragil sind, dass wenn man sie greifen will einfach vergehen. Auch die Wesenszüge der Hobbits tragen viele Menschen in sich, die lieber ein gutes Bier trinken als sich sinnlos in ein Abenteuer stürzen würden. Und wenn man täglich die Nachrichten schaut, bleibt auch kein Zweifel daran, dass es Orks und andere dunkle Kreaturen gibt. Also meine abschließende Antwort auf diese Frage wäre: Ich glaube, dass die Völker aus Tolkiens Feder bereits mitten unter uns leben.
TW: Wenn Du eine Figur aus Tolkiens Arda sein könntest, welche wäre das und warum?
Círdan: Círdan natürlich, wer hätte das gedacht. Ich finde ihn einfach faszinierend, weil er irgendwie in die meisten Schicksale Ardas involviert ist und trotzdem immer mysteriös im Hintergrund bleibt.
Er bildet für mich die Verbindung zwischen Valinor und Mittelerde, er war ein Ringträger, er war der Erbauer des Schiffs von Earendil, er saß während der Zeit des „Hobbits“ mit Galadriel, Gandalf und Saruman im Weißen Rat und er sorgt für Frodos Überfahrt nach Westen. Ach ja, und er ist natürlich der einzige Elb mit einem Bart, das darf man auch nicht vergessen. Er ist also auf seine Art einzigartig. Mein Lieblingscharakter in Arda ist übrigens Túrin, aber mit dem möchte ich natürlich nicht tauschen, deswegen lasse ich ihn mal außen vor.
TW: Welches Buch von Tolkien hast Du am häufigsten gelesen? Weißt Du noch wie oft?
Círdan: Das ist ohne Zweifel „Der Herr der Ringe“. Ich denke es waren so etwa sechs oder sieben Mal, hält sich also noch in Grenzen. Es gibt ja Fans, die lesen das Buch einmal im Jahr. Aber ich versuche ihn möglichst wenig zu lesen, damit ich ihn beim nächsten Mal noch einmal neu entdecken kann und ihn nicht irgendwann leid bin. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, hätte ich bald mal wieder Lust ihn zu lesen.
TW: Interessiert dich bei Tolkien nur sein fantastische Werk, oder bist Du auch an seinen wissenschaftlichen Arbeiten interessiert?
Círdan: Ich bin grundsätzlich schon an den wissenschaftlichen Arbeiten interessiert, setze mich aber nicht wirklich damit auseinander. Das überlasse ich lieber anderen, wie beispielsweise Tom Shippey und lese mir dann seine Aufarbeitung durch, so habe ich dann einen weitaus besseren Zugang zu dem Material, als wenn ich es selbst studieren würde. Das ist mir einfach zu anstrengend. Die einzige Arbeit die ich tatsächlich selbst gelesen habe ist Tolkiens Essay „On Fairy-Stories“.
TW: Findest Du es gut, dass Peter Jackson neue Rollen einbaut, wie z.B. Evangeline Lilly als Tauriel oder ist Dir das zu weit weg vom Original?
Círdan: Ich kann natürlich zum aktuellen Zeitpunkt nur schwer beurteilen, wie genau die Rolle von Evangelina Lilly aussehen wird. Die meisten Elben aus dem Nachtwald sind bei Tolkien ja gesichtslos und daher kann ich Peter Jacksons Ansatz vollkommen verstehen, einer Elbe stellvertretend für die anderen einen Namen und eine Persönlichkeit zu geben. Trotzdem habe ich etwas Angst, dass die Rolle zu viel Raum einnimmt. Wenn Evangeline Lilly beispielsweise auch auf den Kinopostern auftaucht, dann wäre mir das schon zu weit weg von Tolkiens Vorlage. Tauriel richtig in die Geschichte einzubinden, halte ich für einen Drahtseil-Akt. Ob der gelungen ist kann ich aber erst beurteilen, wenn ich den Film gesehen habe. Richtig umgesetzt könnte es aber auch sehr gut werden.
TW: Ist Bilbo Beutlin für Dich der Sympathieträger in „Der Hobbit“ oder glaubst Du, dass ihm im Film bspw. einer der Zwerge den Rang ablaufen könnte?
Círdan: Bilbo ist auf jeden Fall der Sympathieträger. Ich glaube, dass er genau wie im Roman die Person sein wird, mit der sich der Zuschauer identifiziert. Das heißt aber nicht, dass die Zwerge weniger beliebt sein werden.
TW: Findest Du, dass der Hobbit ein Buch ist, welches jeder einmal in seinem Leben lesen sollte?
Círdan: Das muss jeder für sich selbst wissen, ich möchte niemandem ein Buch aufzwingen. Für Tolkien-Fans bietet es natürlich die Möglichkeit, weiter in Tolkiens Kosmos einzudringen. Und wer sowieso Spaß am Lesen hat, und auch nicht davor zurückschreckt ab und zu mal ein Buch zu lesen, welches vornehmlich für Kinder geschrieben ist, der sollte es unbedingt lesen. Aber ich halte den „Hobbit“ jetzt auch nicht für das beste Buch aller Zeiten, es ist einfach ein sehr gutes Kinderbuch, das Spaß macht. Man sollte das auch nicht überbewerten. Es gibt auch jede Menge anderer guter Bücher.
TW: Möchtest Du den von PJ geprägten Gimli Humor auch bei den Hobbitzwergen sehen?
Círdan: Mich persönlich hat der Gimli-Humor nie gestört. Bei so einer epischen, ernsten Geschichte sind Lacher sehr wichtig, einfach um sich mal kurz zu entspannen. Erst dann kommen auch die schweren Momente zur Geltung. Und ich hab mich köstlich amüsiert als Gimli in der Extended Edition die Armee der Toten wegpustet. Meinetwegen dürfen die Zwerge im „Hobbit“ auch ihre lustigen Momente haben. Tolkien hat ja auch nirgendwo geschrieben, dass Zwerge immer todernst sind, oder?
TW: Glaubst Du, dass der Hobbit ähnlich viele Oscar-Nominierungen bekommen wird, wie der Herr der Ringe?
Círdan: Wenn mir persönlich ein Film gefällt, dann finde ich es zweitrangig, ob er einen Oscar gewinnt oder nicht. Es ist eine nette Geste für die Filmemacher und es hilft der Bekanntheit eines Films, aber meines Erachtens sind Oscars nicht immer eine zuverlässige Aussage über die Qualität eines Films.
Bei „Die Rückkehr des Königs“ hatte der Hype um die Trilogie seinen Höhepunkt erreicht und die Academy damals einfach mitgerissen. Mit den vielen Oscar-Nominierungen und auch den gewonnenen Oscars wollte man das Gesamtwerk ehren. Und ich finde, dass Peter Jackson und seine Crew jeden einzelnen Oscar verdient haben. Aber ich vermute mal, dass sich das nicht wiederholen lässt. Vielleicht ist ja diesmal noch einmal ein Oscar für Effekte drin oder für den Soundtrack. Wenn nicht, fände ich es aber auch nicht schlimm. Lassen wir uns überraschen.
TW: Um „Der Herr der Ringe“ gab es ja einen unglaublichen Hype, immerhin war es der erste große Fantasy Blockbuster. Es wird ja vermutet, dass „Der Hobbit“ beim Publikum noch besser ankommt. Wie ist Deine Einschätzung dazu?
Círdan: Es ist diesmal komplett anders. Beim „Herrn der Ringe“ waren die Fans komplett weggeblasen, weil man einfach keine Vorstellung von dem hatte, was da auf einen zukam. So etwas grandioses gab es vorher im Kino einfach noch nie zu sehen. Aber dadurch hat Peter Jackson natürlich auch eine enorme Erwartungshaltung geschürt. Die Ansprüche sind diesmal viel, viel höher und es wollen ja alle eine deutliche Steigerung zum „Herrn der Ringe“ sehen. Aber ob das mit dem „Hobbit“ möglich ist weiß ich nicht. Es ist eigentlich schon vorprogrammiert, dass viele auch enttäuscht sein werden. Ich denke deswegen hat Peter Jackson auch so lange gezögert das Buch zu verfilmen, weil er weiß, das er den „Herrn der Ringe“ eigentlich nicht mehr toppen kann. Aber kommerziell erfolgreich wird „Der Hobbit“ sicherlich werden, denn das Ereignis will natürlich niemand verpassen.
TW: Findest Du es gut, dass so viel Motion-Capture verwendet wird, z.B. bei Gollum und jetzt auch bei Smaug, oder fändest Du Masken bzw. eine reine Computeranimation besser?
Círdan: Eigentlich sollte die Technik im Hintergrund stehen, denn es geht ja um die Illusion. Im Idealfall sieht man gar nicht, ob es sich jetzt um eine Maske, einen Animatronic oder eine CGI-Animation handelt. Man soll während des Films idealerweise vergessen, dass es nur ein Film ist und eingesaugt werden von der Magie der Geschichte. Und wenn ich dann Smaug tatsächlich Ende 2013 vor mir sehe, dann ist das für mich hoffentlich keine Motion-Capture-Creature, sondern eben Smaug wie er leibt und lebt! Mit Gollum hat Peter Jackson schon vor zehn Jahren bewiesen, dass es möglich ist die Grenzen zwischen Effekt und Realität aufzuheben. Bin gespannt, wie ihm das diesmal gelingt.
TW: Glaubst Du das PJ irgendwann auch auszugsweise das Silmarillion verfilmen wird?
Círdan: Nach dem „Hobbit“ ist Peter Jackson sicherlich erst mal durch mit Mittelerde. Ich meine, er hat dann fast 13 oder 14 Jahre nur mit Tolkien-Verfilmungen verbracht. Er war ja eigentlich schon beim „Hobbit“ sehr zögerlich und wollte lieber, dass jemand anders das Buch verfilmt. Letztendlich hat er es ja nur gemacht, weil sich niemand gefunden hat, der seinen Ansprüchen genügt. Davon abgesehen halte ich das „Silmarillion“ größtenteils für unverfilmbar. Die einzige Geschichte, die etwas auf der Leinwand her machen würde, ist die von Túrin Turambar. Diese Erzählung hat alles, was man für einen guten Film braucht. Aber in nächster Zeit ist es einfach unmöglich, weil Christopher Tolkien auf den Filmrechten sitzt und diese auch nicht hergeben wird. Und was danach geschieht steht in den Sternen.
Wir danken Cirdan für seine ausführlichen Antworten und die interessanten Perspektiven auf oftmals kritisch beurteilte Themen , wie den Einbau der Figur Tauriel oder den zwergischen Humor.
Seine Seite findet ihr unter: www.herr-der-ringe-film.de
Unser nächster Interviewpartner ist Prof. Thomas Honegger, der sich Tolkien vorallem auf wissenschaftlicher Ebene annimmt. Das Interview mit ihm wird am 01.08. veröffentlicht werden.
Bildrechte des Portraits: Anne Servos
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