
Morgoths Ring (c) Harper Collins
Nach dem Tolkien „Der Herr der Ringe“ abgeschlossen hatte und noch bevor dieser veröffentlicht wurde, begann er mit der Revision der Legenden die „Das Silmarillion“ bilden. Sein Wunsch war es diese mit „Der Herr der Ringe“ zusammen zu veröffentlichen, was sein Verleger jedoch ablehnte. In diesem Band 10 von “The History of Middle-Earth”, werden uns die Ergebnisse dieser Revisionen für die valinorischen Kapitel des Silmarillions dargelegt. Das Buch ist in fünf Teile gegliedert.
Der Erste gibt die Ainulindalë wieder. Im zweiten Teil wird die letzte Version der chronologischen Darstellung der frühen elbischen Geschichten wiedergegeben. In diesen Annalen von Aman findet sich manches was man nirgendwo sonst lesen kann, auch wenn einiges davon später verworfen wurde und auch die Chronologie der Ereignisse nicht unverändert blieb. Der dritte Teil gibt die valinorischen Kapitel der Quenta Silmarillion in ihrer letzten Version wieder. Aus diesen drei Quellen fügte Christopher Tolkien die erste Hälfte von „Das Silmarillion“ zusammen.
Hier also erfährt man woher die einzelnen Texte stammen und welche Überarbeitungen seines Vater Christopher Tolkien bei der Edition verwarf. Der vierte Teil des Buches ist ein eher philosophischer Text. “Athrabeth Finrod ah Andreth“, also die Diskussion zwischen Finrod und Andreth, beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Schicksalen von Elben und Menschen und mit ihren Hoffnungen und Ängsten. All das verpackt in einen Dialog zwischen dem Elbenkönig und Menschen-Freund und einer Frau aus dem Hause Beors, die als eine der Weisen ihres Volkes gilt und beinahe seine Schwägerin geworden wäre. Im letzten Teil des Buches, “Myths Transformed“, schauen wir Tolkien dabei über die Schulter, wie der seine eigene Mythologie mit den Erkenntnissen der (elbischen) Wissenschaft in der Luft zerreißt und dann versucht aus den aufgelesenen Schnipseln wieder das Gerüst einer Geschichte zu erschaffen.
Man kann bedauern, dass er diese Pläne nie vollständig in die Tat umsetzte, denn alle späteren Texte stehen mit seinem neuen „Weltbild“ in Einklang, oder man kann sich darüber freuen, denn viele der fesselnsten Geschichten über die Valar wären dieser Revision geopfert, oder in ihrer Bedeutung gemindert worden. Dennoch erfährt man hier, und nur hier, etwas über die tieferen Motive und Pläne Melkors oder Saurons oder über Tolkiens letzte Ansichten über die Herkunft der Orks.
In diesem ersten Teil dessen was man “The later History of the Sillmarillion“ nennen könnte, bedient sich der Editor Christopher Tolkien einer gesunder Mischung aus vollständig wiedergegebenen Texten und aus Kommentaren zu erschließenden Änderungen an bereits veröffentlichten Texten. Ohne profunde Kenntnis des Silmarillions oder mit dem Buch als Nachschlagewerk wird man deshalb dem dritten Teil des Buches nur wenig abgewinnen können. Dennoch ist das Buch ein gelungener Kompromiss zwischen der Platzrestriktion einer Veröffentlichung und dem Willen die Textsituation so genau wie möglich darzustellen. Vor allem in den Geschichten die hier zum erstenmal das Licht der Öffentlichkeit erblicken, ist das Buch auch für Leser zu empfehlen, die nicht mit der History of Middle-Earth vertraut sind.
Wer tiefer in die Welt von Mittelerde eintauchen möchte als mit den auch ins Deutsche übersetzte Standardwerken, dem sei diese Buch als Einstieg in die History of Middle-Earth wärmsten empfohlen. Wer den ersten Teil über die Geschichte des Silmarillions mit Interesse verfolgt hat, wird auch an den anderen Büchern der History seinen Freude haben, und alle anderen werden mit der “Athrabeth“ und den “Mythos Transformed“ entschädigt.
Stürzt euch gleich hier oder hier in die Lektüre.

Tags: Christopher Tolkien, Elben, Orks, Silmarillion